Die Arbeit der Sektion der Schönen Wissenschaften, der Kreis «Belles Lettres», wie es in Belgien heißt, findet aus praktischen Gründen in und um Antwerpen herum statt. Der Kreis existiert seit 2018. Die Gruppe besteht aus Vera Van Ighem, Nicoletta Stofkoper, Christine Gruwez und Wilbert Lambrechts. Jedes Mitglied hat ein eigenes Forschungsfeld. Wir kommen regelmäßig für Gespräche und Austausch zusammen. Das Gemeinsame und Verbindende ist wohl die in unseren eigenen Biographien verwurzelte Liebe zum Logos, zum Wunder und Geheimnis der Sprache. Diese Gespräche dienen der Vertiefung, der Erweiterung und manchmal sogar auch der «Umstülpung» der gegebenen Themen. Das Letzte meint, dass sich die Sichtweise ändert und das Wesen der Sache sich selbst (im Gespräch) ausspricht oder aussprechen kann.
Wir legen Wert auf Gesprächs-Hygiene im Zuhören, auf Aufmerksamkeit für die Zwischenräume. Wir haben für die Gespräche keine vorgefasste Agenda und pflegen «das Offene» sowohl in den Formulierungen als in der Richtung, in der wir gemeinsam navigieren. Weil wir eine kleine Gruppe von Klassenmitgliedern sind, spielen auch in unseren Zusammenkünften die Mantren der 1. Klasse eine für das Geistige raumschaffende Rolle. Dadurch bekommt unsere Arbeit, so erfahren wir es, eine esoterische Intimität und sogar freundschaftliche Wärme, die das Wissenschaftliche durchdringt.
Aber wir sind nicht nur nach innen orientiert. Wir pflegen einen regelmäßigen Austausch mit der Sektion in Dornach, wir arbeiten mit an Tagungen und Symposien dort und schreiben immer wieder Aufsätze für die Zeitschrift der Sektion, den STIL. Wir pflegen auch Kontakte zu Gruppen und einzelnen Forschern im Ausland (Holland, USA, Großbritannien). Wir pflegen Mehrsprachlichkeit. Die Umgangssprache ist niederländisch.
Sehr wichtig ist auch die jährliche Umstülpung der internen Arbeit nach außen. Dies geschieht an einem Abend, einem Nachmittag oder sogar – wie im Dezember 2025 – an einem ganzen Tag, der immer mehr die Form eines Symposiums oder Kolloquiums annimmt. Diese Zusammenkunft hat dann ein Thema und hat auch eine künstlerisch-musikalisch-eurythmische Dimension. Es kommen Gäste, die wir zur Bereicherung des Themas einladen und wir öffnen uns für ein Publikum, das durch eine breite Ankündigung in anthroposophischen Kanälen zusammenkommt.
Wir erreichen dadurch ungefähr eine Gruppe von 30 bis 40 Menschen. Christiane Haid (in den letzten Jahren zusammen mit Ariane Eichenberg) hat fast immer an diesen Symposien teilgenommen. Jedes Jahr veröffentlichen wir zu dem Symposium ein Heft, das wir «Jahrring» getauft haben. Darin veröffentlichen wir dann unsere Forschungsergebnisse. Wir werden finanziell von der Anthroposophischen Gesellschaft in Belgien unterstützt. Der Verlag Via Libra gibt den «Jahrring» heraus.
Das Thema von 2024 war «Novalis und der Logos». 2025 haben wir uns dem Thema der menschlichen Biographie zugewandt. Wir wollten nicht, wie allgemein üblich, die eigene Biographie durchforschen aus therapeutischen Gründen, sondern eher die Forschung der Biographie eines anderen (bereits gestorbenen) Menschen erproben. Es handelte sich aber um die Kunst der Lebensbeschreibung. Diese literarische Form hat auch in der anthroposophischen Praxis eine lange Tradition, die nicht nur äußerlich ist, sondern auch wesentlich die Form und das Leben der Anthroposophia mitbestimmt. – Wie und wozu erforscht man ein Leben, wem dient und fördert man dabei, wie respektiert man das immer weiter werdende Geheimnis des untersuchten Menschenlebens, welche spezifische Methoden, Arbeitsformen, Forschungsweisen ergibt die anthroposophische Forschungsmethode im Allgemeinen, wie verhält sich das Studium eines vergangenen Lebens zur Gegenwart und zur Zukunft? Diese Fragen wurden behandelt im Gespräch, aber auch in Beiträgen von Forschern, die auf diesem Feld exemplarisch tätig sind. Sie wurden auch einführend behandelt in einem Essay von Wilbert Lambrechts, der als «Jahrring 2025» auf dem Symposium erhältlich gewesen ist.
Besonderer Gast war dieses Jahr Simon Blaxland-De Lange aus Großbritannien, der zwei Biographien verfasst hat von noch heute wichtigen Pionieren der englischen anthroposophischen Bewegung: Owen Barfield und Cecil Harwood. Mit einem Beitrag Simon Blaxland-De Langes – «Reflexions on Two Biographies» – zu diesen zwei Persönlichkeiten wurde das Symposium eröffnet. Diese beiden Individualitäten waren auch literarisch und literaturwissenschaftlich tätig und gehören deshalb auch zum Gebiet der Schönen Wissenschaften. Aus Holland war Frans Lutters angereist, der einen kurzen, aber besonders kräftigen Beitrag brachte, unter anderem zu seiner biographischen Arbeit zu Bernhard Lievegoed. Sein Buch über Lievegoed, das 2023 erschien und jetzt 2025 bereits in Amerika auf Englisch erschienen ist, ist als eine Parallelarbeit zu der Biographie von Emanuel Zeylmans über seinen Vater Willem Zeylmans-van Emmichoven zu sehen. Dieses letzte sehr wichtige Buch, auf Deutsch bereits in den 1970er Jahren geschrieben, hat endlich eine niederländische Übersetzung bekommen und ist im Dezember 2025 erschienen. An dem Zustandekommen und der Präsentation dieses Buches in den Niederlanden war auch der Belles Lettres Kreis beteiligt. Die beiden Bücher sind auch in der herausgegebenen Form wie Zwillinge. Zeylmans und Lievegoed umfassen zusammen 100 Jahre Anthroposophie in den Niederlanden.
Noch einmal Novalis
Rückblick auf das Novalis-Symposium vom 7.12.2024: Novalis und der Logos
Im Dezember 2024 fand in Antwerpen das Novalis-Symposium des Belles Lettres-Kreises statt. Vier Stunden lang haben sich etwa 50 Personen aus Belgien und den Niederlanden mit Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772–1801) beschäftigt. Das Thema wurde mit zwei Kurzvorträgen, Musik (Bibers Passacaglia), Rezitation und Eurythmie zu Texten von Novalis, Louis Defèche und Wilbert Lambrechts gegenwärtig gemacht. Dieser rein künstlerische Teil wurde von Nicoletta Stofkoper (Sprachgestaltung), José Vlaar (Eurythmie) und Linda Skride (Bratsche) gestaltet.
Zwei Publikationen wurden vorgestellt: Die niederländische Zusammenstellung von Artikeln zum Logos in dem Buch «Labyrinth of the Logos», und der jährliche Bericht des Belles-Letters-Kreises mit dem Titel «Jaarring» (Jahresring), jetzt mit dem Thementitel: «Novalis und der Logos». Marieke Cooiman stellte «Labyrinth of the Logos» vor; Wilbert Lambrechts den «Jaaring».
Der «Jaaring 2024» enthält die erste schriftliche Fassung des Vortrags von Christiane Haid auf dem Symposium (in Übersetzung), einen Text von Christine Gruwez über den «Kalten Stein und das Dichterwort», die erweiterte Fassung des Vortrags von Wilbert Lambrechts über «Novalis und den Logos», die Texte und die im musischen Teil des Symposiums gesprochen wurden. Aber auch Texte von Novalis (die «Hymne über die Liebe», der «Monolog über die Sprache», Fragmente», sowohl im Original als auch in niederländischer Übersetzung, eine englische Übersetzung der «Hymnen über die Liebe» und das Gedicht «An Julien», im Original und in einer neuen Übersetzung. Außerdem finden Sie im «Jaarring 2024», als Hilfe für eigene Studien eine Auswahlbibliographie zu Novalis, Novalis in niederländischer Sprache sowie eine Bibliographie zum Thema Logos im Allgemeinen.
Zu bestellen unter: https://via-libra.be/.../novalis-en-de-logos-belles.../